zwei Loras
papageienfreunde.com

Allein im Magazin "Papageien" (Ausgabe 7/2002) werden in der Beilage "Kleinanzeigen" 79 explizit als "Handaufzucht" bezeichnete Psittaciden (Amazonen = 31, Aras = 12, Kakadus = 12, Graupapageien = 24) offeriert. Bei Durchsicht entsprechender Rubriken in Tages- und Wochenzeitungen ist leicht feststellbar, dass a) eine hohe Zahl sog. "Handaufzuchten" (teilweise mit den verkaufsfördernden Attributen "zahm" oder "superzahm") angeboten wird, und b) gleichzeitig eine nicht geringe Zahl von Psittaciden (oft "umständehalber") abgegeben werden soll.

Bei Hinterfragung der Abgabegründe zu b) ist in nicht wenigen Fällen zu erfahren, dass der "Abgabevogel" als "zahme Handaufzucht" gekauft wurde, sich jedoch mit Eintritt der Geschlechtsreife als "problematisch" erwies.

Was ist unter "Handaufzucht" zu verstehen ?
Die Aufzucht der Nestlinge wird nicht den Elternvögeln überlassen. Wenn nicht schon - wie vielfach praktiziert - bereits das Gelege mittels entsprechender Apparatur künstlich bebrütet wird, werden die Nestlinge entweder unmittelbar nach dem Schlupf, oder zu einem späteren Zeitpunkt der Nestlingsphase, entnommen und in einem künstlichen Medium unter Zuführung der notwendigen Wärme (Strahler) durch den Mensch mit Sonde, Pipette, Löffel oder sonstige Hilfsmittel gefüttert.

Was soll durch "Handaufzucht" erreicht werden ?
Die Nestlinge und Jungvögel sollen in der sensiblen Prägungs- und Sozialisationsphase auf den Mensch (als späteren Besitzer/Käufer und "Interaktionspartner") fixiert werden. Der Käufer soll einen Vogel erhalten, der dem (Wunsch-)Bild eines zahmen, verschmusten und umgänglichen Hausgenossen entspricht.
Dieses (Wunsch-)Bild ist ein sehr konservatives, traditionelles Bild, das zwar (aus menschlicher Sicht) verständlich und nachvollziehbar, jedoch nur sehr bedingt mit den Ansprüchen an die Erfüllung der jeweils artspezifischen Erfordernisse in Einklang zu bringen ist. Es ist oftmals die (romantische) Sehnsucht nach einem "Stück Natur im Wohnzimmer", nach einem harmonischen Zusammenleben von Mensch und Tier. Es sind die Bilder vom "zahmen" Amazonenpapagei auf der Schulter eines "Ureinwohners". Es ist das Bild der Natur, wie wir sie wollen. Allerdings ist "die Natur, wie wir sie wollen, ganz verschieden von der Natur, wie sie wirklich ist" (1). Nicht unbegründet merkt W. Lantermann in Bezug auf "Handaufzuchten" an: "(...) trägt diese Form der Papageienzucht und -aufzucht dazu bei, dass das falsche Bild von den Papageien im Kopf der Vogelhalter weiter gefestigt wird." (2)

Natürlich ist unbestreitbar, dass bei der privaten Haltung von Papageien unter "Wohnungsbedingungen" das "Herstellen" eines gewissen Maßes an Vertrautheit nicht nur von Vorteil, sondern sogar notwendig ist. Doch hierzu bedarf es nicht der "Handaufzucht" (vgl. Kapitel: Wie kann die notwendige Vertrautheit erreicht werden?).

Warum kaufen zunehmend auch Privathalter noch nicht futterfeste Jungvögel, um sie von Hand (weiter-)aufzuziehen?
Mittlerweile ist ein Trend dahin erkennbar, dass Privatinteressenten von Züchtern und/oder Händlern Jungvögel erwerben, die noch nicht futterfest sind, um diese dann (sozusagen abschließend) selbst von Hand (weiter-)aufzuziehen. Hierdurch soll (und kann) eine direkte (starke) Bindung an den "Endbesitzer" (?) herbeigeführt werden.

Neben dieser zweckbetonten Absicht kann aber auch nicht ohne Berücksichtigung bleiben, dass - und nicht nur hierin gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Mensch und Tier - der angeborene Zwang, sich um Lebewesen, die das sogenannte "Kindchenschema" bedienen, eine Rolle spielt. Hierzu Konrad Lorenz (zitiert aus: Die angeborenen Formen möglicher Erfahrung, 1943): "Wir alle beantworten bei jungen Tieren wie bei kleinen Menschenkindern eine ganz bestimmte Zusammenstellung von Merkmalen mit spezifischen Gefühlen und Affekten, die als Erlebniskorrelate unseren arteigenen Pflege- und Betreuungsreaktionen zugeordnet sind. Lebewesen, die diese Merkmalskombination an sich tragen, werden dann als "süß" oder "niedlich" bezeichnet (...)"

Dieser jeder Art (so auch dem Mensch) angeborene und arterhaltend notwendige "Zwang", sich um den Nachwuchs zu kümmern, könnte fast schon als "genetisch programmierte Werbung für Handaufzucht" angesehen werden und forciert nicht unerheblich die Entscheidung pro Handaufzucht.

Entwaffnend drastisch reagierte in einer Zeitungsredaktion einmal eine Sekretärin angesichts eines Fotos von Tierbabys: "Da schießt mir glatt die Milch in die Brust." (zitiert aus: Baumann, P., Fink O. (1979): Wie tierlieb sind die Deutschen?, Fischer-Taschenbuch-Verlag).

Da "Angeborene Auslösemechanismen (3) wie z.B. der "Brutpflegetrieb" auf sehr einfache Schlüsselreize (hier: "Kindchen- oder Babyschema") ansprechen, besteht - auch beim Mensch - die Möglichkeit, dass Verhaltensweisen von falschen Objekten (wie z.B. artfremden "Babys") ausgelöst werden. Die "Handlungsbereitschaft" (responsiveness) oder "Motivation (motivation) zur Handaufzucht wird durch vorgenannten Mechanismus erhöht. (4)

"Handeln folgt nicht notwendigerweise aus Wollen, weil es "unbewusste" Tätigkeit gibt, bei welcher ein intentionaler Akt, den man "Wollen" nennen könnte, nicht im Bewusstsein auftaucht." (Gadamer , H.G., Vogler, P. (1971): Neue Anthropologie , Biologische Anthropologie, Erster Teil, Band 1, S. 39, Thieme, Stuttgart). Aber da der Mensch das Korrektiv der "Selbstreflektion" besitzt, ist das Bedienen des "Kindchenschemas" in Form einer unbewussten "Entscheidung" zur Handaufzucht nicht zwangsläufig determiniert (vorherbestimmt). Die Verfügbarkeit über alle Informationen (FÜR und WIDER) ermöglicht uns trotzdem (im Gegensatz zum Tier) eine "Freiheit des Handelns".

Dieser kleine Ausflug in die Biologische Anthropologie war unumgänglich, um zumindest ansatzweise die hinsichtlich der Thematik "Handaufzucht" vernachlässigten Aspekte der (unbewussten) menschlichen Motivation zu beleuchten.

Welch geradezu abstruse Auswüchse der unbedingte Wunsch danach, einen "zahmen" Vogel zu erhalten, zuweilen hervorbringt, dokumentiert anschaulich eine Anzeige im FINDLING (2. Septemberwoche 2002): "Tausche neuw. MTB, 21-Gang, gg. zahmen Papagei (...)"

Ist die Zielsetzung der "Handaufzucht" ethisch vertretbar ?
Ohne zunächst auf die generelle Erreichbarkeit der Zielsetzung einzugehen, bleibt festzustellen, dass der angestrebte Erfolg (= Erhalt eines "zahmen" Vogels) sich vorwiegend an menschlichen Bedürfnissen orientiert. Verallgemeinernd könnte man von "egoistischen" Motiven reden. Da sowohl den Elternvögeln als auch den Jungtieren naturgegebene Entwicklungsabläufe vorenthalten (weggenommen) werden, ohne ihnen einen adäquaten Ersatz bieten zu können, handelt es sich bei der "Handaufzucht" um einen die gesamte spätere Entwicklung determinierenden und irreversiblen Eingriff. Daher ist die "Handaufzucht" (von absoluten Notfällen abgesehen) ethisch nicht vertretbar.

Sind die propagierten Ziele der "Handaufzucht" überhaupt erreichbar ?  
Unbestreitbar wird ein handaufgezogener Vogel zunächst beim Besitzer/Käufer in der Regel Begeisterung auslösen, weil er ihm gegenüber keinerlei Scheu zeigt. Der Vogel wird den Besitzer als "Partner" akzeptieren und für vielfältige Interaktionen zur Verfügung stehen. Das Ziel, einen unproblematischen "zahmen" Vogel zu erhalten, ist also erreichbar ? Für die Zeitspanne bis zum Eintritt der Geschlechtsreife (je nach Art 2 - 6 Jahre) trifft dies zweifellos zu. Doch spätestens ab diesem Zeitpunkt treten zumeist "Disharmonien" zwischen Mensch und Papagei auf, die sich oft in zunehmend aggressivem Verhalten des Vogels äußern. Insbesondere auf den Ersatzpartner Mensch gerichtete Hypertrophien des Sexualverhaltens (u.a. Droh- und Imponierverhalten, Kopulationsversuche, Beiß- und Flugattacken) sind nicht selten. Fazit: Die propagierten Ziele können in der überwiegenden Mehrzahl nur für einen begrenzten Zeitraum (temporär) als erreichbar angesehen werden.

Warum sind die propagierten Ziele der "Handaufzucht" nur für eine befristete Zeitspanne erreichbar ?
Um diese Frage beantworten zu können, ist eine nähere Befassung mit den Mechanismen der "Prägung" und "Sozialisation" erforderlich. Die sensibelste Prägungsphase eines Jungvogels ist die Nestlingszeit und die sich daran anschließende Juvenilphase. Die Lernvorgänge der sog. "Prägung" sind nur selten  reversibel ( also später kaum umkehrbar) und bleiben zumeist für immer festgelegt. So "verankert" der während einer Naturbrut bestehende ständige Kontakt mit den Elternvögeln beispielsweise die sexuelle Prägung auf die eigene Art als ausschließliches Objekt späterer Triebhandlungen. Steht (bei "Handaufzuchten") nur der Mensch als "Elternteil" zur Verfügung, erfolgt die sexuelle Prägung auf den (artfremden) Mensch. Selbst dann, wenn späterhin einem handaufgezogenen Einzelvogel ein artgleicher Partner zugesellt wird (Anmerkung: Zumindest paarweise Haltung sollte Pflicht sein), wird sich an der Fixierung auf den Mensch als "Sexualpartner" (mit allen negativen Folgeerscheinungen) nichts ändern. Das Phänomen der sexuellen Prägung (sexual imprinting) ist seit langer Zeit bekannt und müsste schon für sich genommen jeden verantwortungsvollen Züchter davon abhalten, "Handaufzuchten" zu praktizieren. Doch nicht nur die sexuelle Prägung, sondern die Prägung auf artgleiche Individuen überhaupt, ist ein essentieller Faktor für ein funktionables Zusammenleben mit arteigenen Individuen im Sozialverband.

Um den überaus hohen Stellenwert der "Prägung" in vorgenannten Zusammenhängen nochmals zu verdeutlichen, seien nachfolgend die wesentlichen Charakteristika der "Prägung" zusammenfassend benannt. Prägung wird charakterisiert durch:

  • Eine eng umgrenzte sensible Entwicklungsphase, in der gelernt wird.
  • Die Lerninhalte sind nicht korrigierbar.
  • Der Lerninhalt ist eng umgrenzt und
  • Der Zeitpunkt der Prägung und die Zeit der Anwendung des Gelernten müssen nicht zusammenfallen.

Bei "Handaufzuchten" werden den Nestlingen und Jungvögeln (ob absichtlich oder nicht bedarf in diesem Zusammenhang keiner Erörterung) methodisch gleichzusetzen mit einem "Erfahrungsentzugsexperiment" (deprivation experiment) während der Verhaltensentwicklung Erfahrungsmöglichkeiten entzogen, die eine arteigene Anpassung aufgrund von "Lernen" ermöglichen würden. Konkret: Die Sinneswahrnehmungen der Nestlinge sind in den ersten Tagen auf das "Fühlen" begrenzt. Sie fühlen die Polsterung der Nisthöhle, die bei manchen Arten zusätzlich mit Daunengefieder "komplettiert" wird. Sie fühlen den Hautkontakt mit anderen Nestlingen. Sie fühlen die wärmende Henne. Sie fühlen die Schnabelberührung, die das Schnabelsperren auslöst. Selbst mit noch so viel Mühe und technischem Aufwand (perfektionierte Aufzuchtbehältnisse mit Wärmestrahler) kann der Mensch diese Gegebenheiten nur unzureichend simulieren.

Wenn nach einiger Zeit die Wahrnehmungen "Sehen" und "Hören" hinzukommen, erreicht die Problematik der "Handaufzucht" eine weitere Dimension. Die zuvor spontan und ungerichtet geäußerten Bettellaute der Nestlinge werden jetzt durch Berührung (Fühlen) und Laute der Elterntiere (Hören) ausgelöst. Bei manchen Arten (so z.B. Amazona amazonica) werden von den Elternvögeln auch Beruhigungs- und Beschwichtigungslaute eingesetzt. Dieses innerartliche - jeweils in biologisch funktionalen Zusammenhängen stehende - Lautäußerungsrepertoire mit allen Situationsbezügen wird den "Handaufzuchten" als "Lernpotenzial" vorenthalten.

Die - noch häufig anzutreffende - anthropozentrische Sichtweise geht von der Annahme aus, dass komplexere kognitive Fähigkeiten ausschließlich dem Mensch vorbehalten seien. Dies ist ebenso unzutreffend, wie die Position dogmatischer Behavioristen, alle Verhaltensweisen seien grundsätzlich (nur) auf Reiz- Reaktionsbeziehungen, die sich aus Prozessen der operanten Konditionierung herleiten (lassen), zurückzuführen (5). Wenn wir aber den Psittaciden - und hier insbesondere den größeren Arten - eine relativ hohe Kognitionsfähigkeit attestieren (was durch zahlreiche Arbeiten zum Thema unstrittig sein dürfte), müssen wir uns auch hinsichtlich der Vorgänge um Brut und Aufzucht vom rein physiologisch-mechanistischen Ansatz trennen. Das komplexe Zusammenspiel von neuronalen Prozessen, physischer Präsenz (der Elternvögel) und Informationsvermittlung (auf kognitiver Ebene) ist nicht durch vereinfachende (sozusagen genormte) Abläufe (Eingriffe) des Menschen in das Brut- und Aufzuchtgeschehen zu ersetzen.

Die "Orientierung des Organismus in seiner Umgebung als der hauptsächlichen Grundlage für angepasstes Verhalten" (6) beginnt bei jedem Vogel unbestreitbar (spätestens) mit dem Aufpicken der Eischale /also dem "Schlüpfen"), Wird dem/den Vogel/Vögeln (bei "Handaufzucht") nur ein Derivat der naturgemäß vorhandenen Umgebung in Form eines wie auch immer gearteten (künstlichen) Aufzuchtbehältnisses und eines artfremden "Elternersatzes" geboten, kommt es folgerichtig zu einer Anpassung an die aufgezwungenen (künstlichen) Umgebungsstrukturen.

Die Wesentlichkeit der Elternbeziehung wird von Wanker am Beispiel der Augenring-Sperlingspapageien verdeutlicht (7).

Jede Verschiedenheit der Bedingungen (Lernsituation) unter denen zwei genetisch gleiche Individuen heranwachsen, hat eine Verschiedenheit ihrer Eigenschaften, bzw. das spätere Fehlen von (teilweise arterhaltend notwendigen) Eigenschaften zur Folge.

An fundierten Dokumentationen hinsichtlich möglicher Folgen der Handaufzucht sei u.a. die Ausarbeitung von H.J. Preiss und D. Franck, die gravierende Sozialisationsstörungen bei handaufgezogenen Rosenköpfchen beschreibt, erwähnt (8).

Das Misslingen der Verpaarung handaufgezogener Nymphensittiche mit Artgenossen wird von Myers beschrieben (9)

Smith dokumentiert generalisierend bei handaufgezogenen Papageien zu beobachtende Probleme und Fehlentwicklungen (10).

Lantermann beschreibt Verpaarungsprobleme bei handaufgezogenen Edelpapageien (11).

Ralf Sistermann (Institut für Biologie II / Lehrstuhl für Zoologie-Tierphysiologie / RWTH Aachen) weist in seiner Studie "Untersuchung zur sexuellen Prägung handaufgezogener Großpapageien"  u.a. auf Grundlage der Auswertung der Angaben von 43 Züchtern nach, dass es zu "Fehlverhalten" handaufgezogener Elterntiere kommt, welches sich vorwiegend im Nichtfüttern der Jungtiere äußert. Die Fehlprägung könne so gravierend sein, dass eine artgerechte Fortpflanzung der betreffenden Individuen nicht mehr möglich ist.

Luft berichtet ebenfalls von Sozialisationsstörungen bei handaufgezogenen Papageien (12)

Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass die Verhaltensauffälligkeiten bzw. das Fehlen von Eigenschaften - folgt man den Ansichten von R. Jordan - weniger ausgeprägt bei gemeinschaftlicher Aufzucht von Nestgeschwistern im Sozialverband auftreten sollen (13). Allerdings fehlt auch bei dieser Variante der Handaufzucht  der Kontakt der Nestlinge/Jungvögel zu den Eltern, bzw. ist der Elternkontakt auf relativ kurze Zeiträume eingegrenzt.

Neben den unzweifelhaft vorhandenen starren, angeborenen Verhaltenskomponenten (angeborene auslösende Mechanismen, endogene Reizerzeugungsvorgänge) spielt für die Entwicklung der Nestlinge und Jungvögel, und dafür welche "Richtung" sie nimmt, auch das "individuelle Lernen" eine nicht unerhebliche Rolle. Ohne die Bedeutung und Funktion angeborener Aktions- und Reaktionsnormen abzuwerten kann gesagt werden, dass im Gegensatz zu niedrig entwickelten Tieren, bei denen sich diesbezügliche Vorgänge auf einer Reiz-Reaktionsebene abspielen, Psittaciden zu einer differenzierten Verarbeitung von Außenreizen fähig sind.

Sprechen wir dem "Lernen" eine Bedeutung für die Verhaltensentwicklung von Nestlingen und Jungvögeln zu - was abgesehen von der anteilsmäßigen Quantifizierung unstrittig sein dürfte - ist die hieraus abzuleitende Folgerung zwingend, dass der Entzug oder Ersatz von Lernerfahrungen eine Auswirkung (Effekt) auf das Verhalten bzw. die Verhaltensentwicklung haben wird.

"Lernen" setzt aber voraus, dass "Lerninhalte" (vermenschlicht ausgedrückt: "Wissen") und Vermittler des "Wissens" vorhanden sind. Man möge den Rückgriff auf menschliche Kategorien nachsehen; aber wäre es denkbar, dass ein Säugling oder Kleinkind gleichaltrigen Säuglingen oder Kleinkindern Inhalte vermitteln kann, über deren bloße Existenz noch nicht die Spur einer Ahnung im Hirn manifest ist? Also wird ein Teil der notwendiger Weise an Nestlinge und Jungvögel zu vermittelnden Inhalte, die sich naturgemäß in einem dispositven Rahmen bewegen, nur von Altvögeln, die über das entsprechende (erworbene, erlernte) "Wissen" verfügen, zu transferieren sein.

Sicher wird eine gemeinsame Aufzucht von Nestgeschwistern im Gegensatz zu einer isolierten Handaufzucht die Sozialisierung auf die jeweilige Art erleichtern. Eben so sicher kann auch die Interaktion von Nestlingen und Jungvögeln untereinander das "Lernen" befördern.

Aber eine Unterbrechung des Informationstransfers von Eltern- zu Nestlingen und/oder Jungvögeln führt zwangsläufig zu "Informationsdefiziten".

Hinzu kommt, dass eine Veränderung der Umgebungsstrukturen durch Verbringen der Nestlinge in ein neues Umgebungsmedium zu akustischen, taktilen und visuellen Änderungen der ebenfalls nicht zu vernachlässigenden "Umfeldinformationen" führt, über deren mögliche Auswirkungen noch sehr wenig bekannt ist. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass nicht nur die Außenreize selbst, sondern auch deren Submodalitäten, Zeitstrukturen und Intensitäten in einem neuen Umgebungsmedium Änderungen unterworfen sind.

Daher ist auch diese Methode in letzter Konsequenz nur als das kleinere Übel anzusehen, zumal in der Regel keine zwingende Notwendigkeit zur Durchführung von Handaufzuchten besteht.

Die Nichtakzeptanz von (bzw. Scheu, Furcht vor) Nistkästen bei geschlechtsreifen Psittaciden - von der vereinzelt berichtet wird - (vgl. Anhang 1) könnte u.E. auf das Fehlen der visuellen Erfahrung "Dunkle Nisthöhle" , bzw. die Eingrenzung der Erfahrung auf einen zu kurzen Zeitraum zurückzuführen sein. Die Wertigkeit visueller Eindrücke wird im nachfolgenden Abschnitt verdeutlicht.

Änderungen oder Entzug von Umweltreizen, die unter natürlichen Bedingungen - in je nach Art und Lebensraum unterschiedlicher Gestalt, Intensität und Ausprägung - die Verhaltensentwicklung beeinflussen, können zwangsläufig nicht ohne Effekt bleiben. Vor allem auditorische und visuelle Reize, sowie die Qualität, Intensität und Zeitstruktur derselben, sind die Verhaltensontogenese (speziell in frühen Phasen) mitbestimmende Faktoren. Die Submodalität der visuellen Reize (Farbe, Helligkeit) scheint nach unseren Beobachtungen hierbei eine besondere Rolle zu spielen. Hinzu kommt, dass die Farbwahrnehmung von Vögeln wesentlich ausgeprägter ist als die von Menschen (14). Die Wertigkeit des Einflusses von Farben auf das Verhalten von Psittaciden hat eher zufällig unsere Aufmerksamkeit erregt, wie die nachfolgende Schilderung zeigt:

Ein von uns in einem mit Ästen und sonstigen Klettermöglichkeiten ausgestatteten großen Raum mit in gedeckter Farbe getünchten Wänden gehaltener Familienverband von Venezuela-Amazonen (2 Altvögel, 3 halbjährige Jungvögel) reagierte beim Betreten des Raumes durch eine ansonsten akzeptierte Bezugsperson ohne für uns zunächst erkennbaren Anlass mit plötzlicher Zurückhaltung und Scheu. Die Ursache war schnell erkannt. Die einzige Änderung, die zu der bezeichneten Reaktion hatte führen können, bestand darin, dass die weibliche Bezugsperson ihre Haarfarbe von einem dezenten Brünett-Ton zu relativ kräftigem Rot gewechselt hatte. Dieser Farbeindruck war in der bisher "erfahrenen" Farbpalette der Jungvögel nicht enthalten. Die Änderung eines Parameters (Farbe) bei ansonsten gleichbleibender Form, Oberflächenstruktur und Bewegungsweise eines sporadisch im Bezugsumfeld der Jungvögel auftauchenden Bezugsobjektes hatte also unmittelbar zu beobachtende Auswirkungen auf das Verhalten der Jungvögel. Diese Beobachtung fand eine weitere Bestätigung darin, dass das Präsentieren von Holzklötzchen mit hohen Rotanteilen die gleiche Reaktion hervorrief. Fassen wir zusammen: Das Fehlen der Farbe "Rot" im Umfeld der Jungvögel hat beim erstmaligen Auftauchen in deren Gesichtsfeld (Wahrnehmung) zu einer Reaktion geführt, die am ehesten mit "Scheu" zu bezeichnen ist, während "neue" Objekte in Farbtönen, die der Wahrnehmung von Anfang an zugänglich waren, nicht mit solchen Reaktionsmustern beantwortet werden.

Erwähnenswert scheint uns in diesem Zusammenhang auch, dass in vorstehender Fallschilderung die visuellen Reize an erster Stelle zu stehen scheinen und die auditorischen Eindrücke in der Reizhierarchie nach hinten schieben. Konkret: Die nach wie vor unveränderte Sprachmodulation der Bezugsperson hatte keinen nivellierenden Effekt auf die "Rot-Scheu" der Jungvögel.

Im Verlauf von drei Wochen war durch die Mechanismen der Heritation (Gewöhnung) eine Abschwächung der beschrieben Reaktion zu erzielen.

Durch "Handaufzucht" fehlgeprägte Vögel sind oft nicht mehr in der Lage, Verpaarungen mit Artgenossen einzugehen. Die paarweise Haltung und Weiterzucht gelingt nur noch in seltenen Fällen und unter Schwierigkeiten. Bei Eintritt der Geschlechtsreife kommt es oftmals zu Verhaltensauffälligkeiten, die kaum zu beeinflussen sind. Die Palette der (vorprogrammierten) Verhaltensstörungen reicht von Federrupfen bis Hyperaggressivität. Gylstorff und Grimm benennen des weiteren folgende mögliche Dysfunktionen bei handaufgezogenen Vögeln: Abnormes Sexualverhalten, verlängertes Infantilgehabe, Federrupfen, Tötung des eigenen Nachwuchses (15).

Des weiteren wird von Gylstorff und Grimm ausgeführt, dass für Polyomavirusinfektionen vor allem in Beständen mit Handaufzuchten (hier speziell / jedoch nicht nur / beim Gelbhaubenkakadu -Cacatua galerita-) eine höhere Empfänglichkeit vorhanden ist (16).

Wie kann sich die "Wegnahme" der Nestlinge/Jungvögel auf die Elternvögel auswirken ?
Wenn Gelege (zur künstlichen Bebrütung), oder Nestlinge zur direkten Handaufzucht entnommen werden, wird in vielen Fällen erneut der Bruttrieb angeregt. Es kommt dann zu einer weiteren (im normalen Zyklus nicht vorgesehenen) Brut. Dies kann unter Umständen  - und je nach Konstitution der Elternvögel - zu einer physischen Schwächung führen. Nun könnte man dem entgegenhalten, dass es auch unter Freilandbedingungen zu Brutausfällen mit anschließender Nachbrut kommt. Aber: Unter Freilandbedingungen besteht in diesen Fällen eine arterhaltende Notwendigkeit hierfür, während unter Gefangenschaftsbedingungen diese Notwendigkeit nicht zu sehen ist. Auch ist zu vermuten (doch dies ist bisher nicht durch entsprechende Feldstudien dokumentiert), dass auch freilebende Exemplare durch zwei oder mehr aufeinanderfolgende Bruten eine physische Schwächung erfahren (können).

Die Entnahme von Gelege oder Nestlingen stellt zweifelsfrei eine Stresssituation mit den entsprechenden (und mittlerweile bekannten) hormonellen Auswirkungen dar. In einem anderen Zusammenhang hat Eva Millesi vom Institut für Zoologie der Universität Wien (Abteilung Ethologie) den Einfluss von Stresssituationen auf die Sexual- und Stresshormone (bei Graupapageien) dokumentiert. So zeigten sich unter "harmonischen" Bedingungen (Paarbindung, enge Sozialkontakte) in der Sekretion von Testosteron und Östrogen laut E. Millesi "erstaunlich ähnliche Verläufe" Zitat: "Da diese Werte die Nebennierenaktivität widerspiegeln, erhält man dadurch Hinweise auf die Stressbelastung eines Individuums." Da die Bestimmung der Hormonwerte von E. Millesi durch Kotuntersuchung (also nicht invasiv und belastend) vorgenommen wurde, wäre eine entsprechende Untersuchung an Vögeln, denen zwecks Handaufzucht die Nestlinge weggenommen wurden, mit den gleichen (einfachen) Mitteln zu bewerkstelligen und auch angezeigt. Die Ergebnisse dürften ähnlich ausfallen. So reagierten in der Studie von E. Millesi nach Partnerentzug isolierte Graupapageien unmittelbar mit einer signifikanten Erhöhung der Corticosteronwerte. E. Millesi geht davon aus, dass auch immunologische Faktoren von der sozialen Situation beeinflusst werden. So zeigten beispielsweise isolierte Vögel einen höheren Anteil pathogener (krankheitserregender) Bakterien im Kot (17).  

Siehe auch: "Verheiratete Graupapageien haben schönere Federn"

Stressbedingte Hypertrophien der Nebennierenrinde und Atrophien der lymphatischen Gewebe von Milz und Thymus werden u.a. auch von Culbert und Wells (18) beschrieben.

Warum nimmt die Zahl der "Handaufzuchten" trotzdem zu ?
Der Wunsch vieler Kaufinteressenten, einen "superzahmen" Jungvogel zu erhalten, erzeugt bei gleichzeitig vorhandenen Informationsdefiziten bezüglich der negativen Auswirkungen von "Handaufzuchten", einen in ökonomischer (monetärer) Hinsicht hochinteressanten Markt. "Handaufzuchten" werden mit der Begründung des hohen Aufwandes und der vorgeblich besseren Eigenschaften ("zahm", "superzahm") zu Preisen angeboten, die erheblich über denen von Naturbruten liegen. Manche Züchter erhöhen den Umsatz (Gewinn) zusätzlich dadurch, dass sie die Elterntiere durch wiederholtes Entnehmen der Gelege zu erneuter Paarung und Eiablage anregen. Auf diese Weise werden noch mehr Eier (und somit Jungtiere) "produziert", als dies dem biologischen Zyklus entspräche. Die steigende Nachfrage nach "zahmen" Vögeln führt zu einem kontinuierlichen Anstieg des Angebots an "Handaufzuchten". Fazit: "Handaufzuchten" sind ein lohnendes Geschäft. In der Regel werden potenzielle Käufer nicht über die negative Seite aufgeklärt. Eine ehrliche Aufklärung breiter Käuferschichten würde den Fortgang der lukrativen Geschäfte beeinträchtigen.

Können "Handaufzuchten" zur Verminderung der Importe von Wildvögeln und somit zum Schutz der Populationen in den Ursprungsländern beitragen ?
Jede Nachzucht trägt vordergründig zur Verminderung der Importe bei. Zu bedenken ist allerdings, dass "Handaufzuchten" selbst zur weiteren Reproduktion nur noch selten und/oder bedingt in der Lage sind. Timothy Wright (University of Maryland) und Catherine Toft (University of California) haben erstmals im Rahmen einer umfassenden Studie Daten aus den letzten 22 Jahren (insgesamt 23 Feldstudien) hinsichtlich der Bruterfolge von in Mittel- und Südamerika vorkommenden Papageien zusammengetragen. Im Schnitt wurde jedes dritte Nest von Wilderern ausgenommen. 70 Prozent der Jungvögel (so das Ergebnis von 4 Feldstudien) wurde von Wilderern eingesammelt. Die Autoren konstatieren schwerwiegende Auswirkungen auf die Bestände durch den Handel mit Papageien. Durch den zusätzlichen Verlust von Lebensraum für viele Arten entsteht so eine bedrohliche Situation.

Was hat dies nun mit der Thematik "Handaufzucht" zu tun? Aufgrund der geschilderten Situation kann es in absehbarer Zeit notwendig sein, instabile Populationen mit geringer Individuenzahl durch das Auswildern in Gefangenschaft gezüchteter Tiere vor dem endgültigen "Aus" (Beispiel: Spixara) zu bewahren. Setzt sich aber der Trend zur Handaufzucht fort, stehen letztlich (fast) nur noch nicht mehr auswilderungsfähige Exemplare zur Verfügung.

Gregor Klaus schreibt in der "Neue(n) Züricher Zeitung" (21.11.01) inhaltlich zusammenfassend in Bezug auf die Studie von Wright und Toft: "Fast alle bisherigen Projekte zur Auswilderung gefangener Papageien haben mit großen Problemen zu kämpfen. Kein Wunder, führt doch bei Papageien die Handaufzucht zur Prägung auf den Menschen. Nur wenige dieser verhaltensgestörten Tiere werden sich in freier Wildbahn zurechtfinden."

Ähnlich wird diese Problematik vom "Wildlife Preservation Trust International" beurteilt. Zitat: "Leider sind handaufgezogene Vögel im Allgemeinen wesentlich weniger zu Wiedereinführungszwecken geeignet, als elternaufgezogene Vögel" -Anmerkung: Zitat in Übersetzung durch Verfasser- (19).

Harsfield berichtet von enormen Schwierigkeiten mit handaufgezogenen Kap-Papageien (Poicephalus robustus) im Rahmen eines Erhaltungszuchtprojektes (20).

Alle vorstehend zitierten Schwierigkeiten resultieren aus ursächlich auf "Handaufzucht" zurückzuführenden "Verhaltensstörungen" im Sinne der Definition von Juppien. Zitat: "Eine Verhaltensstörung liegt immer dann vor, wenn das betreffende Tier leidet und/oder durch das vorliegende Verhalten grundsätzlich eine mögliche Wildbahnfähigkeit ausgeschlossen werden muss." (21).

Wie ist die bei "Wohnungshaltung" notwendige "Vertrautheit" des Vogels zu erreichen, ohne auf "Handaufzuchten" zurückzugreifen ?
Papageien sind hoch entwickelte Tiere mit einer komplexen Verhaltenspalette. Wer sich ernsthaft und nicht nur - wie leider manchmal zu beobachten - "aus einer Laune heraus" für die Haltung von Papageien interessiert, sollte sich zunächst darüber klar werden, welche Art(en) er aufgrund der jeweils artspezifischen Anforderungen (Verhalten, Unterbringung, Klima, Zeitaufwand) halten möchte bzw. zu halten in der Lage ist. Umfassende v o r h e r i g e  Information ist unabdingbar. Sollen es Jungvögel sein, darf der Interessent natürlich nicht erwarten, einen "fertigen" Vogel zu erhalten. Anfangs muss er sich darauf einstellen, Geduld und Einfühlungsvermögen zu investieren, um ein harmonisches Mit- und Nebeneinander zu erreichen. Diese "Mühe" wird aber dadurch belohnt, dass die Vögel keine erzwungene Vertrautheit (Zahmheit) aufweisen, sondern sozusagen "aus freien Stücken" dem Mensch vertrauen; und das wird letztlich auch dem Halter auf Dauer ein besseres Gefühl vermitteln.

Im Gegensatz zu der (auch aus kommerziellen Gründen) weithin verbreiteten Ansicht, dass nur "Handaufzuchten" mit dem Mensch vertraut ("zahm") werden, trifft dies durchaus auch auf verantwortungsvoll betreute "Naturbruten" zu. Sog. "Naturbruten" von Vögeln, die sich in menschlicher Obhut befinden, sind aufgrund der eingegrenzten Brutareale (Voliere, Raum etc.) und der Unmöglichkeit einer exakten Simulation der in den Ursprungsgebieten anzutreffenden Gegebenheiten im Wortsinn eigentlich auch nicht als "Naturbruten" zu bezeichnen. Angemessener wäre es, in diesen Fällen von "Naturorientierter Brut" zu reden. Auch eine "Naturorientierte Brut" erfordert - soll das Ziel darin bestehen, psychisch stabile, physisch gesunde und (auch) "wohnungstaugliche" Jungvögel mit allen arteigenen Spezifika zu erhalten - einen erheblichen Zeit- und Betreuungsaufwand. Die "Kunst" besteht darin, einerseits jeden notwendigen Eingriff auf niedrigstmöglichem Level zu halten (d.h.: Reinigungs- und Fütterungsarbeiten sehr vorsichtig - zu Zeiten, in denen sich die Vögel erkennbar entspannt und ruhig verhalten - durchzuführen) und andererseits bereits die Nestlinge (zunächst) an die menschliche Stimme und die Jungvögel an den Anblick des Menschen zu gewöhnen; und dies ohne "Störungen" der Elternvögel, die je nach Art erheblich sensibel und aggressiv reagieren können, hervorzurufen. Die häufige Annahme, dass "Naturorientierte Bruten" mit wenig Aufwand verbunden sind, mag dann zutreffen, wenn Züchter/innen sich auf das "Füttern" und "Säubern" beschränken. Auf eine verantwortungsvoll begleitete "Naturorientierte Brut" mit der erwähnten Zielsetzung trifft dies jedoch nicht zu. Verantwortungsbewusste Züchter/innen sind in der Lage, den Interessenten futterfeste und futterzahme Vögel anzubieten. Letztlich hat es dann die/der zukünftige Halterin/Halter selbst in der Hand, durch behutsamen Umgang mit den Jungvögeln die "Vertrautheit" noch zu steigern.

Die "Ware Tier" - das Geschäft mit der "Handaufzucht
"Handaufgezogene Papageien sind in der Regel heute etwa eineinhalbmal teurer als Naturbruten und doppelt oder gar dreimal so teuer wie Importvögel der gleichen Arten. Damit wird die Handaufzucht - bei allem damit verbundenen Pflegeaufwand - zu einem äußerst lukrativen Geschäftszweig im Heimtierhandel." (22)

Wie groß das Interesse an "Handaufzuchten" mittlerweile ist, lässt sich auch am Absatz diverser "Fachbücher", die der Beschreibung negativer Aspekte der Handaufzucht meist nur wenige Zeilen (bestenfalls ein kleines Kapitel)  widmen, deutlich ablesen. So teilt der Verlag des neuerschienenen, und als "das deutschsprachige Standardwerk zum Thema Handaufzucht" angepriesenen, Buches "Handaufzucht von Papageien" (23) mit, dass bereits nach wenigen Monaten wegen der großen Nachfrage eine Neuauflage erscheint. Auf lediglich 6 von 123 Seiten dieses "Standardwerkes" wird das FÜR und WIDER von Handaufzuchten thematisiert.

"Eine große Lücke auf dem Buchsektor wurde endlich geschlossen. Diplom-Biologe Matthias Reinschmidt beschreibt Ihnen in seinem ausführlichen Buch die Feinheiten der Kunstbrut und Handaufzucht von Papageien und Sittichen." So offeriert der Arndt-Verlag sein neuestes Angebot auf diesem Sektor.

Die ursprünglich als "Ausnahme" praktizierte Handaufzucht hat sich mittlerweile zu einer von vielen Züchterinnen / Züchtern geförderten "Standard-Methode" entwickelt. Der Eingriff in die natürlichen Brutabläufe wird weithin als "Normalität" wahrgenommen und akzeptiert. Dabei ist die Entscheidung zur Durchführung von Handaufzuchten überwiegend nicht an tiermedizinischen Indikationen oder (tier)ethischen Kriterien, sondern an ökonomischen Interessen, orientiert. Zur Deckung des hohen Bedarfes an "zahmen" Jungvögeln bedienen sich nicht wenige Züchterinnen / Züchter zwecks Steigerung der "Produktion" und Reduzierung der "Ausfallraten" einer hochtechnisierten Ausstattung. Einige Zuchtanlagen in Deutschland sind auf Grund ihrer Größe, des Angebotes und der Ausstattung durchaus mit "Zuchtfarmen" in den USA vergleichbar. Die Möglichkeiten des Internet nutzend, wird die kostspielige Ausstattung auf den betreffenden Pages werbewirksam als Beleg für "Professionalität" präsentiert. Exemplarisch für die Verkaufsstrategie kommerzieller Zuchtanlagen sind nachstehend zitierte Passagen aus der Präsentations-Page einer (deutschen) Papageienzucht:

"Wir geben fast das ganze Jahr über Jungtiere vieler Arten (...) ab. (...) Die ab Ei oder ab der 5. Woche von Hand aufgezogenen Jungtiere sind (...) alle superzahm zu jedermann. Sie können sofort angefasst werden und sind zum Teil bei Abgabe auch schon sprechend (...). Bei Bedarf übernehmen wir auch Handaufzuchten für Sie ab Ei."

Fast beiläufig wird vom gleichen Anbieter darauf hingewiesen, dass "auf Wunsch" auch Naturbruten erhältlich sind. Allerdings dürfte es eher unwahrscheinlich sein, dass Interessenten nach den geschilderten Superlativen in Bezug auf die angebotenen Handaufzuchten überhaupt noch einen Gedanken an den Kauf von Naturbruten verschwenden.

Das werbewirksame Kalkül mit dem "Gefühl" der Kaufinteressenten geht in der Regel auf. Dabei sollte - so treffend der Kieler Zoologe Wolf Herre - "das Wissen des Menschen über das Verhalten der Tiere und nicht unbestimmte Gefühle (...) die Grundlage der Tierpflege sei."

Nur wenige Züchterinnen / Züchter offerieren ihre Nachzuchten so: "Um Verhaltensstörungen vorzubeugen, ist es mein oberstes Ziel, bei der Zucht von Papageien auf Handaufzuchten gänzlich zu verzichten und Jungvögel nur von artgleichen Elterntieren aufziehen zu lassen (Naturbrut / Elternaufzucht). Auch aus diesem Grund bleiben bei mir alle Jungtiere mindestens so lange bei ihren Eltern, bis diese selbständig Futter zu sich nehmen. Dadurch ist aus meiner Sicht gewährleistet, dass die Nachzuchten das der jeweiligen Art typische Verhalten ( insoweit man davon bei einer Volierenhaltung sprechen kann) von den Elterntieren lernen."

Wie hoch der Stellenwert der "Handaufzuchten" mittlerweile einzuschätzen ist, verdeutlichen die nachstehenden Diagramme, die auf Auswertung der Beilage (Kleinanzeigen) des Magazin "Papageien" (Ausgabe 7/02) basieren. Es sei allerdings betont, dass diese Auswertung zwangsläufig nur eine "Momentaufnahme" darstellen kann und umfassendes statistisches Material hierzu nicht zur Verfügung steht. 

Prozentualer Anteil der "Handaufzuchten" an der Gesamtzahl der angebotenen Psittaciden

 
Absolute Zahlen der "Handaufzuchten" in Papageien 07/02

 

Handaufzucht

Naturbrut

Wildfang

Keine Angabe

Summe

Amazonen

31

7

4

46

88

Aras

12

7

4

61

84

Kakadus

12

5

3

130

150

Graupapageien

24

8

12

58

102

 

 

 

 

 

 

Summe

79

27

23

295

424

Diese Zahlen sind auch deshalb bemerkenswert, weil Ralf Sistermann in einer Studie die Kleinanzeigen aus dem Magazin "Papageien" (Ausgabe 4/99) hinsichtlich o.g. Thematik ausgewertet hat und  trotz des relativ kurzen Zeitabstandes zu unserer Ausarbeitung (= 3 Jahre) eine wesentliche Verschiebung hin zur Handaufzucht zu verzeichnen ist. So wurden beispielsweise in 04/99 bei den Amazonen keine (!) Handaufzuchten offeriert. Sistermann benennt als Grund hierfür, dass "Amazonen mit Erreichen der Geschlechtsreife äußerst aggressiv werden und somit als Heimtiere nicht sehr beliebt sind". Hinsichtlich des "Beliebtheitsgrades" von Amazonen in der Heimtierhaltung können wir aus eigener Erfahrung die Vermutung von Sistermann allerdings nicht bestätigen. Aber dies sei nur am Rande erwähnt. Wesentlicher scheint uns bei einem Abgleich des Zahlenmaterials, dass ein sich verfestigender Trend zur "Handaufzucht" klar erkennbar wird.

Wohl nicht zu bezweifeln ist, dass sich bei Auswertung der Sparte "Anzeigen" in Magazinen, Tages- und Wochenzeitungen, Beilagen etc. hinsichtlich angebotener "Handaufzuchten" eine Zahl ergeben dürfte, die um ein Mehrfaches über der selektiv aus dem Magazin "Papageien" entnommenen liegt.

Rechtliche Aspekte:
In keiner europäischen oder deutschen Rechtsvorschrift sind Einschränkungen oder Regelungen hinsichtlich der Durchführung von Handaufzuchten definiert. Um Nachzuchten von Psittaciden legal durchführen zu können, ist - unabhängig von der Aufzuchtmethode - eine Genehmigung gemäß §17g des Tierseuchengesetzes in der Fassung vom 20.12.1995 in Verbindung mit den jeweils geltenden länderspezifischen Ausführungsgesetzen ausreichend, um den rechtlichen Vorgaben zu genügen. Im Rahmen des Genehmigungsverfahrens wird in der Regel eine Überprüfung der Haltungsbedingungen und eine "Prüfung der Sachkunde" - die sich allerdings zumeist auf das Abfragen von Mindestkenntnissen über die Psittacose und die diesbezügliche Meldepflicht beschränkt - durch den zuständigen Kreisveterinär durchgeführt. Weiter reichende Kenntnisse - insbesondere auch bezüglich Zucht und Aufzucht - werden nicht vorausgesetzt.

Wer mit den Schwierigkeiten der Methode "Handaufzucht" (Einhaltung der Fütterungsintervalle, richtige Futterzusammensetzung, zu beachtende physiognomische Gegebenheiten, mögliche Über- oder Unterfütterung, mögliche Kropf- und sonstige Verletzungen) vertraut ist, wird uns darin zustimmen, dass o.g. Genehmigungsverfahren hinsichtlich Zucht und Aufzucht (insbesondere "Handaufzucht") keinerlei Gewähr für eine gebotene sachkundige Ausführung bieten kann.

Ist eine gewerbsmäßige Zucht beabsichtigt, bedarf es zusätzlich einer Genehmigung gemäß §11 (1), 3. und (2) des Tierschutzgesetzes in der Fassung vom 29.05.1998. Die inhaltlichen Vorgaben entsprechen weitestgehend denjenigen des §17g des Tierseuchengesetzes.

Ob überhaupt, inwieweit und unter welchen Voraussetzungen die Regelungen des §3  Nr. 9 und 10 des Tierschutzgesetzes (TSG) in der Neufassung vom 25.05.1998, die es untersagen, einem Tier unter Zwang Futter einzuverleiben, wenn hierfür kein gesundheitliches Erfordernis vorliegt oder die Futterverabreichung zu erheblichen Schmerzen, Leiden oder Schäden führt, auf die Durchführung von Handaufzuchten anwendbar sind (sein könnten), müsste ggf. durch ein Musterverfahren geklärt werden. Hierbei dürfte vor allem strittig sein, ob es sich bei der Fütterung von Nestlingen mit Kropfsonde oder sonstigen Hilfsmitteln um eine Zwangsfütterung im rechtlichen Sinne handelt. Des weiteren müsste eine Differenzierung dahingehend erfolgen, ob und in welchen Fällen (tier)gesundheitliche Gründe eine Handaufzucht mit künstlicher Futterzuführung erforderlich machen. Unseres Erachtens sind gesundheitliche Gründe nur dann gegeben, wenn es sich um eine aus Notsituationen (z.B. Nichtfütterung der Nestlinge durch die Elterntiere) resultierende Entnahme der Nestlinge zwecks künstlicher Weiteraufzucht handelt.

Das von der Sachverständigengruppe des Referates Tierschutz beim Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten erarbeitete Gutachten über "Mindestanforderungen an die Haltung von Papageien" vom 10.01.1995, welches allerdings nur empfehlenden Charakter und keine Rechtsverbindlichkeit besitzt, weist darauf hin, dass Jungvögel so aufgezogen werden sollen, dass sie artgeprägt sind. Zumindest bei isolierten Handaufzuchten wird diesem Kriterium nicht entsprochen.

Ausblick:
Letztlich könnte nur eine Änderung der gesetzlichen Rahmenbedingungen, wie im Differenzierungsprotokoll zu dem Gutachten "Mindestanforderungen an die Haltung von Papageien" vom 10.01.1995 (Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft) vom Mitunterzeichner H. Brücher unter Pkt. 3 gefordert (Textauszug: "Handaufzucht und Kunstbrut dürfen nur bei Jungvögeln, die von ihren Eltern nicht erfolgreich aufgezogen werden, durchgeführt werden.") Abhilfe schaffen. Gleichwohl sollte es jedem verantwortungsvollen Halter und Züchter Verpflichtung sein, konstant auf die negativen Folgen der "Handaufzucht" hinzuweisen.

Leider hat das o.g. Sachverständigengutachten keine rechtliche Bindungswirkung. Es handelt sich hierbei "weder um ein Gesetz noch um eine Rechtsverordnung, sondern um eine im Auftrag des Bundes-
ministeriums erstellte aktuelle, den neuesten Wissensstand wiedergebende Auslegung des §2 des Tierschutzgesetzes. Diese Auslegung hat zwar im Vergleich zu Fachbüchern und wissenschaftlichen Einzelgutachten einen besonderen Stellenwert, ist aber nicht rechtsverbindlich." (24)

Trotz einer Vielzahl (noch) ungeklärter Fragen und (bisher) unverstandener Zusammenhänge bezüglich der Auswirkungen von "Handaufzucht" auf Jungvögel und Elterntiere, wird die "Handaufzucht" in großem Umfang praktiziert und (weitestgehend) kritiklos akzeptiert. Man könnte sagen: Die Praxis hat die theoretische Grundlagenforschung überholt. Die wissenschaftliche Methodik des praxiskonstruierenden Charakters von Theorie hat sich in`s Gegenteil verkehrt. Das "Verstehen von Gründen"  wird durch das "Formulieren von Gründen" (für die Handaufzucht) ersetzt. (25).

Literaturnachweis

Mit freundlicher Genehmigung:
Volker und Susanne Munkes 2002