Nur wenigen Menschen gelingt es, ein Hochseil zu betreten und darauf stehen zu bleiben. Vögel schaffen so ein Kunststück mühelos. Was hält die Vögel auf Ästen und Zweigen, selbst wenn sie schlafen?

Dieses Rätsel hat 2002 ein Biologe der Ruhr-Universität Bochum gelöst. Vier Jahre lang forschte Reinhold Necker, Professor für Tierpsychologie, an Tauben. Das Ergebnis: Vögel besitzen in ihrem Körper ein zweites Gleichgewichtsorgan.

Schon lange bekannt ist der Gleichgewichtssinn im Innenohr, mit dem sie sich im Flug orientieren. Das erklärt aber nicht ihre Fähigkeit, aufrecht zu stehen und zu gehen. Die Tiere laufen auf zwei Beinen, die relativ weit hinten liegen. Der Schwerpunkt des Körpers ist weiter vorne: dort, wo sich der große Brustkorb mit seiner gewaltigen Muskulatur befindet. Theoretisch müsste ein Vogel dauernd nach vorne kippen -aber er tut es nicht. Biologen hatten schon lange vermutet, dass Vögel zusätzlich zum Innenohr ein weiteres Gleichgewichtsorgan im Körper besitzen. Dieses hat Reinhold Necker im Beckenbereich gefunden, dort, wo die Beine ansetzen. Im so genannten Lumbosacralbereich befinden sich Nervenzellen in den seitlichen Auslappungen des Rückenmarks sowie große Flüssigkeitsräume, die das Rückenmark umgeben. Über den Auslappungen öffnen sich Bogengänge. Und die funktionieren wie eine Waage. Je nachdem, wie der Vogel sich bewegt, strömt die Flüssigkeit in den Bögen in die eine oder andere Richtung. So wird ein Druck auf die Auslappungen erzeugt, in denen sich Nervenzellen befinden. In elektrophysiologischen und elektronenmikroskopischen Untersuchungen wies Reinhold Necker nach, dass diese Zellen mechanische Reize wahrnehmen und das Signal an das motorische System der Beine und das Kleinhirn weiter- leiten. Ergebnis: Die Muskulatur korrigiert die Bewegung, die Waage kommt wieder ins Gleichgewicht. Verhaltensexperimente stützen diesen Befund: Wurden die Flüssigkeitsräume geöffnet, waren die Tiere mit zugebundenen Augen nicht mehr in der Lage, gerade zu stehen oder zu laufen. Sie fielen von ihrer Stange oder kippten zur Seite. Fliegen konnten sie trotzdem. Der Forscher schloss daraus, dass dieses Sinnesorgan im Beckenbereich primär auf die Beinmotorik wirkt.