Nach Auffassung des Verfassers gehört das bereits mehrfach erwähnte Nachahmen der menschlichen Sprache in Verbindung mit der dadurch ermöglichten Kontaktaufnahme zum Pfleger in gewisser Weise auch in den Bereich des "abnormen" Verhaltens. Der ansonsten vereinsamende Vogel, dem nur der Pfleger als möglicher Ersatzpartner zur Verfügung steht, nimmt in seiner Isolation Lautkontakt mit dem Pfleger auf, indem er dessen Stimme und Umgebungsgeräusche nachahmt. Dieses "Sprechen" stellt somit eine im Rahmen physiologischer Gegebenheiten stattfindende Überanpassung der Verhaltensmöglichkeiten eines hochentwickelten Papageien dar und muß daher mindestens als Verhaltensmodifikation gewertet werden. Ob sprechende Papageien aber als verhaltensgestört in Sinne der zuvor genannten Definitionen eingestuft werden sollten, darf bezweifelt werden. Das Nachahmen der Papageien entspricht dem "Spotten" vieler anderer Vogelarten und ist vermutlich dem Spielverhalten zuzuordnen. Inwieweit ein solches Verhalten auch bei Papageien im Freiland vorkommt, ist bislang unbekannt (Deckert, briefliche Mitt.). 
  
Eindeutig ist dagegen, dass Papageien mit ausgeprägter Nachahmungsleistung auf eine enge Beziehung zu ihrem Pfleger hindeuten. Dass eine solche enge Beziehung, so sehr dieser Begriff positiv besetzt sein mag, auch durchweg einen positiven Einfluß auf  die psychische Entwicklung eines Papageienvogels haben muß, wird heute vom Verfasser nachhaltig in Zweifel gezogen (Lantermann 1997). Dabei darf nicht der (ohne menschliche Zuwendung) völlig vereinsamende Stubenpapagei als Maßstab herangezogen werden, sondern der artgemäß gehaltene, zusammen mit einem Partnervogel in einer gut ausgestatteten Freivoliere lebende Papagei ist das Maß, an dem das Wohlbefinden gehaltener Papageien gemessen werden muß. Hier scheiden sich die Geister.


Quelle:
Verhaltensstörungen bei Papageien
W. Lantermann
Enke Verlag, Stuttgart, 1998