Spielverhalten tritt bei Vögeln - im Gegensatz zu Säugern - relativ selten auf. Man kennt es vor allem von einigen hochentwickelten Arten(-gruppen), z.B. von Rabenvögeln, von Greifvögeln und von einigen Papageien. Besonders gut untersucht ist das Spielverhalten der Keas. Aber auch über das Spielverhalten von Grünflügelaras,  Hyazintharas und Blaustirnamazonen liegen (Einzel-)Beobachtungen vor. Spielverhalten ist unter Gefangenschaftsbedingungen offenbar nicht auf Jungvögel oder subadulte Tiere beschränkt, sondern kommt auch bei adulten Vögeln vor. Im biologischen Lebenszyklus eines wildlebenden Tieres gibt es dagegen ein sogenanntes »Spielalter«, eine bestimmte Periode während der Jugendentwicklung, in der die meisten hochentwickelten und sozialen Tiere ausgeprägte Spielaktivitäten entwickeln. Der Sinn dieses Spieltriebs liegt darin, ohne Ernstbezug, im sogenannten »entspannten Feld«, anwendbare Erfahrungen für das spätere Leben zu gewinnen. Aus allen Funktionskreisen, auch aus solchen, die erst bei adulten Tieren vorkommen, werden körperliche Fähigkeiten eingeübt. Das Spiel ist wichtig für die Anbahnung, Bildung und die Aufrechterhaltung sozialer Organisationen und Bindungen. Man kann im Spiel Ausdrucksbewegungen, ausgeführt in übertriebener Form, aus allen Sozialbereichen wiederfinden.  

Solitärspiele
Bewegungsspiele sind vielfach gekennzeichnet durch eine übertriebene Ausführung. Wir kennen von allen bisher untersuchten Großpapageien das Hangen und das Kopfunterhängen. Beim Hangen wird der Schnabel an einem Ast oder am Drahtgitter eingehakt, die Füße lassen los, das ganze Körpergewicht des Tieres hängt am Schnabel. Dabei sind gelegentliche Schaukel- und Strampelbewegungen mit den Beinen zu beobachten. Beim Kopfunterhängen hält sich der Vogel mit den Füßen an einem waagerechten Gegenstand fest und läßt sich dann nach vorn fallen. Auch hierbei schaukelt er gerne. Um sich in Schwung zu bringen, rollt der \/ogel, den Kopf ein und schnellt ihn dann wieder vor. Oft lässt er zusätzlich noch ein Fuß los, der Vogel dreht und wendet sich, bis er sich mit dem Schnabel wieder hochzieht. Das Schaukeln auf Schwingästen, die an dünnen Ketten befestigt sind, wurde bei Keas und Blaustirnamazonen beobachtet. Durch das Anfliegen brachten die Tiere die Äste zum Schwingen und hielten sie danach durch mehrmaliges Verändern des Körperschwerpunktes in Bewegung. Einzigartig unter den bislang untersuchten Papageien ist das Kopfstehen und Purzelbaumschlagen der Keas. Dabei berührt der jeweilige Vogel mit dem Hinterkopf den Boden oder den Sitzast, während er mit den Füßen balanciert. Das Kopfstehen geht in den meisten Fällen in einen Purzelbaum über: Der Vogel rollt nach vorn über und landet auf dem Rücken. Abschließend sei noch das Schauhüpfen der Keas erwähnt. Dabei handelt es sich um ein Hüpfen auf beiden Beinen mit fast vollständig zurückgedrehtem Kopf, das bei adulten Tieren wahrscheinlich in Zusammenhang mit dem Territorialverhalten, bei Jungvögeln aber unabhängig von möglichen Eindringlingen (Pfleger, Rivale usw.) auftritt.  
Spiele des Nahrungserwerbs kennt man bisher von Keas und von einem Hyazinthara im Kölner Zoo. Die Keas im Züricher Zoo verwendeten z. B. Salat als Spielzeug. Sie zerrissen in kürzester Zeit einen in die Voliere gelegten Salatkopf in Stücke. Dabei wurde der Salat heftig hin und her geworfen, so dass er in hohem Bogen durch die Voliere flog. Die Fortsetzung des Spiels bestand darin, dass die einzelnen Salatblätter im Wasserbecken »gebadet« und anschließend in ein Erdloch gesteckt wurden, das der Vogel zuvor mit dem Schnabel gegraben hatte.  

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Von einigen Großpapageien kennt man 
das Hängen als Element des Spielverhaltens

Ein Kea hatte ein ganz individuelles Spiel »erfunden«: Er ließ Salatblätter und auch abgeschälte Baumrinde im Wasserbecken schwimmen. Hierzu ging er ganz langsam ans Wasser, legte ein Rinden- oder Salatstück sorgfältig mit dem Schnabel auf die Wasseroberfläche und versetzte ihm einen Stoß, so dass es wegschwamm. Hatte das Rindenstück eine gewisse Strecke zurückgelegt, marschierte der Kea seinem Spielzeug nach, fischte es wieder heraus, ging damit an Land und ließ es von dort wieder schwimmen. Dieser Vorgang wurde bis zu viermal wiederholt. Ein Spiel, das ebenfalls in Zusammenhang mit dem Nahrungserwerb steht, konnte an einem Hyzinthara beobachtet werden. Wurde dem Vogel eine Tüte mit Erdnüssen hingehalten, holte er sich zunächst einige heraus, um sie zu fressen. Aber schon nach wenigen Minuten nahm er keine Nüsse mehr auf, sondern fuhr nur mit dem wuchtigen Schnabel in die Tüte hinein und begann, den Inhalt hinauszuwerfen. Mit der nächsten Bewegung schüttelte er die Tüte hin und her und schleifte sie durch den Käfig. Gut bekannt bei allen untersuchten Papageien sind Objektspiele. Keas - offenbar ganz besonders neugierige Papageien - untersuchten sofort jeden ihnen unbekannten Gegenstand auf seine Freßbarkeit hin. Ungenießbares wurde zum Spielzeug. Es wurde im Gehege herumgetragen, weggeworfen, wieder aufgenommen und erneut herumgetragen. Auch das Fortbewegen von Gegenständen durch Ziehen (schwere Ketten) oder Stoßen mit dem Kopf (Futter- und Trinkgefäße), im Winter Herstellen und Wälzen von Schneekugeln ist für Keas bekannt. Zu den Objektspielen bei Keas zählt auch das Hineinstecken eines Gegenstandes in eine Öffnung (z.B Salatblätter in Mauerspalten, leere Nußschalen in Wasserrohre usw.) sowie - in Rückenlage - das Balancieren eines Gegenstandes (Ast auf der Brust mit Hilfe der Füße. Grünflügelaras zeigten zum Teil den Keas vergleichbare Spielaktivitäten. Darüber hinaus besonders bemerkenswert war, dass die Tiere M-8-Maschinenschrauben, mit denen ihre Futtergefäße befestigt wurden, mit Hilfe ihrer kräftigen Schnäbel lockerten und schließlich abdrehten. Nicht immer gelang es sogleich, die Verschraubung zu öffnen. Dann nahmen die Aras ein Stück Rinde, einen kleinen Zweig oder ein Blatt zu Hilfe, klemmten es zwischen Unterschnabel und Schraube und waren so in der Lage, das festgedrehte Gewinde zu lösen . Der männliche Grünflügelara konnte sogar Muttern aufdrehen, die nur wenig größer als das Schraubengewinde waren. Aus einer anderen Beschreibung ist das Spiel eines Hyazintharas mit einem Plastikball bekannt. Außerdem erregten bewegliche Objekte einerseits sowie Fortbewegungsgegenstände, wie Roller, Dreiräder, Kinderwagen und Karren, in denen er manchmal herumgefahren wurde, seine besondere Aufmerksamkeit. Blaustirnamazonen  können sich stundenlang mit Ketten, Seilern, kleinen Holzstücken u.ä. beschäftigen. Lange, dünne Ketten wickeln sie mehrfach um Sitzäste und verankern sie so, dass sie nur unter Schwierigkeiten wieder zu entwirren sind.  
Zu den sensorischen Spielen zählen Spiele, bei denen mechanisch oder mit der Stimme Laute bzw. Geräusche erzeugt werden. Zu den mechanisch erzeugten Lauten liegen Beobachtungen an Keas vor, die immer wieder Steine in ein leeres, tönernes Futtergeschirr fallen ließen, wobei das dabei entstehende Geräusch sie offenbar dazu anstachelte, es noch einmal zu versuchen. Ober den bereits erwähnten Hyazinthara des Kölner Zoos wird ähnliches berichtet.  

Sozialspiele
Unter den sogenannten Initialspielen - Verhaltensweisen, die den verschiedenen Spielen vorausgehen oder sie unterbrechen können - konnten beim Kea vier Spielformen klar abgegrenzt werden. Die häufigste Form der Spielaufforderung war das steifbeinige Herumgehen vor dem Partner, wobei der Kopf gegen ihn gerichtet war. Eine Verstärkung dieser Spielaufforderung bestand im Fortschleudern von Gegenständen, die - im Gegensatz zum Solitärspiel - sehr auffällig vor dem Partnervogel aufgehoben und ungerichtet weggeworfen wurden. Als Einleitung zu den nachfolgend beschriebenen Kampfspielen war sowohl das Abwehren (Hochheben eines Fußes in Duckstellung und Berühren des Partners) als auch das Sich-auf-den-Rücken-Legen und Anschauen des Partners zu werten. Kampfspiele kennen wir von Keas, Grünflügelaras und Blaustirnamazonen. Keas zeigten Fußgefechte, bei denen sie mehrfach die Füße ineinander verkrallten, Schnabelgefechte, Schnabelhakeln und schließlich - als stärkste Form des Kampfspiels - das Hahnenkampfspiel, bei dem beide Gegner flügelschlagend aneinander hochstiegen und mit den Füßen und dem Schnabel gleichzeitig fochten. Die Spiele mit stärkster Kampfintensität wurden jeweils nur für ganz kurze Zeit, die der niedrigen Niveaus dagegen länger durchgeführt. Offensichtlich wurde damit ein überspringen auf den Ernstkampf, dem die genannten Elemente entnommen sind, vermieden. Grünflügelaras lieferten sich ebenfalls Fuß- und Schnabelgefechte, hielten sich gegenseitig die Schnäbel mit den Zehen zu, schubsten sich mit Stirn und Kopfoberseite usw. Erwähnenswert an diesem Spielbalgen, währenddessen die Vögel oft die unterschiedlichsten Positionen einnahmen, waren die an- und abschwellenden Knurr- und Knarrlaute, die sie dabei äußerten. Auffällig bei diesen Spielformen war - ähnlich wie auch bei den Keas -, dass sich die Dominanzverhältnisse beim Kampfspiel umkehrten. Das gewöhnlich dominante Männchen übernahm vielfach die Rolle des Unterlegenen. Jagd- und Versteckspiele kennen wir wiederum vom Kea, vom Grünflügelara und von der Blaustirnamazone. Alle beobachteten Tiere Verteilten nach der Fütterung einen Teil ihrer Nahrung in der Voliere, jagten hinterher und versuchten, sich die »erbeuteten« Nahrungsstückchen wieder abzujagen. Hatten zwei Tiere gleichzeitig einen Gegenstand oder ein Futterstück erwischt, zerrten beide daran, und jedes Tier versuchte, die »Beute« auf seine Seite zu ziehen. Im Zusammenhang mit Jagdspielen trat bei Keas auch Verstecken auf. Dabei zog sich ein Tier an einen Platz zurück, wo es von keinem anderen gesehen werden konnte; aber nach kurzer Zeit schaute es schon wieder um die Ecke, um sich den anderen in Erinnerung zu bringen und deren Treiben zu beobachten.  
Von den Sexualspielen bei Papageien liegen so gut wie keine Kenntnisse vor. Lediglich bei Keas konnten zwei Spielelemente festgestellt werden, die eindeutig dem Funktionskreis des Sexualverhaltens entstammten. So kam es im Zusammenhang mit dem Kampfspiel vor, dass ein Tier auf den Rücken des Partners sprang, was immer dann als reines Sexualspiel gewertet wurde, wenn gleichzeitig keine Elemente des Drohverhaltens hinzukamen. Das sogenannte Tanzen, ein Hüpfen am Ort mit Blick auf den Partner, wurde als Sexualspiel aus dem Funktionskreis der Balz bewertet. Bei verschiedengeschlechtlichen Vögeln kam es zwischen Verfolgungsjagden auch zum Wechsel zwischen dem beschriebenen Springen und dem Tanzen.

Quelle:
Großpapageien
Wesen, Verhalten, Bedürfnisse
W. Lantermann