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Das erste Jahr mit Leonardo
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Es war im September 1995, ein Tag wie jeder andere. Unsere Familie war gerade mit dem Wochenendeinkauf fertig, da fiel uns ein, unser Wellensittich William-Gustav, Willi genannt, braucht ja auch noch etwas zu essen. Meine Tochter und ich fuhren in Richtung Zoogeschäft. Wir betraten den Laden und wie gewohnt gingen wir zuerst zum Käfig von Cora. Cora, ein Gelbbrustara, gehört dem Ladeninhaber und begrüßt die meisten Kunden mit einem freudigen „Guten Tag“. Unsere Kinder, Carsten 16, Silke 14 und Robert 10 Jahre alt, waren schon immer von diesem nicht verkäuflichen Tier fasziniert. Aber dieses Mal sollte es ganz anders werden. Auf dem längsten Ast in ihrem Käfig, in die andere Ecke gedrückt, saß ein weißes Bällchen. Ein im Gegensatz zum Gelbbrustara kleiner Papagei schaute uns mit seinen traurigen Augen entgegen. Jede seiner Bewegungen wurde von Cora aufmerksam registriert und die Eifersucht funkelte nur so aus ihr. Ich nahm mir eine Erdnuss aus dem großen Futtersack, der sich neben Cora’s Käfig befand und reichte sie dem kleinen Kerl. Ganz interessiert, sein Häubchen stand kerzengerade vor Aufregung, kam er zaghaft zum Gitterrand, um sich den Leckerbissen zu holen, aber Cora war schneller. „Guck mal Mutti, der arme Kleine bekommt gar nichts ab.“ Ich nahm nun zwei Erdnüsse und hielt sie in getrennten Richtungen durchs Gitter. Derweil sich Cora auf die eine Nuss stürzte, schaffte es auch der kleine Kerl, die andere zu holen. Er hatte aber nicht lange seine Freude daran, denn als sie bemerkte, dass er auch etwas bekam, ließ sie alles fallen und stürzte auf ihn zu. Das war nun der Traum vom Leckerbissen und er saß mit traurigem Blick wieder in seine Ecke gedrückt.
Zu Hause angekommen sprudelte es nur so aus uns heraus: „Ihr müßt mitkommen ... so ein lieber kleiner Kerl ... er ist so niedlich, wenn sein Häubchen steht ...“. An diesem Abend gingen unsere Gedanken gar oft zum Zoogeschäft. Wir konnten den Montag und den Feierabend kaum erwarten und dieses Mal fuhren unser Papa und Robert mit. Während Robert und Silke das kleine weiße Bällchen bewunderten, erkundigte ich mich bei der Verkäuferin über die Herkunft des Vogels. Er wurde Ende 1993 für einen Kunden bestellt, der ihn anschließend nicht mehr haben wollte. Der kleine Kerl hatte weder einen Namen, noch war sich die Verkäuferin seiner Rasse sicher. Und da der Inhaber mehrere Filialen hat, wurde er mal hier und mal dort untergebracht und zum Verkauf angeboten. Der Preis, es handelte sich um eine Handaufzucht, ließ mir den Atem stocken. Wir erfuhren, dass es sich um ein Männchen handelte und wie ein Blitz schoss mir ein Name für ihn in den Kopf. LEONARDO! Ja Leo, das passt zu ihm. So lange wir uns in dem Laden befanden, ließ er uns nicht aus den Augen. Wahrscheinlich war der Appetit auf eine leckere Nuss unendlich groß.
Eine lange Woche mit endlosen Diskussionen in unserer Familie begann. Die Argumente meines Mannes: „so viel Geld ... was wollen wir mit einem Papagei ... und wenn wir verreisen wollen ...,“ es gab so vieles, was dagegen Sprach. In der Bibliothek besorgte ich mir Literatur über Kakadus und deren Haltung, um mir ein Bild zu machen, was auf uns zukommen würde, wenn wir ihn kaufen. Nacktaugenkakadus sind friedfertige und liebe Wesen stand geschrieben, aber für unseren Wellensittich, der sehr zahm ist und wunderschön sprechen kann, ist er wohl eine Nummer zu groß.
Das Herz unserer Kinder und meines hingen schon so sehr an diesem Papagei, dass wir jeden Abend den Umweg von 20 km zum Zoogeschäft auf uns nahmen, um „unseren“ Leo eine leckere Nuss zu geben. Am Freitag nahm ich Carsten mit und wie schon vermutet, erging es ihm wie uns und sein Blick konnte von diesem netten Kerl nicht lassen.
Noch ein Abend der Diskussionen kam ins rollen; unseren Papa von irgend etwas zu überzeugen war gar nicht so einfach und dann kam das erlösende: „ ... macht doch was Ihr wollt ...“. Der Griff zum Telefon ging ganz einfach: „Hallo .... wir wollen ihn kaufen ... wann können wir ihn holen ...“
Am Montag Mittag, die Kinder waren in der Schule, machte ich mich auf den Weg, unseren Leo zu holen. Er verbrachte die vergangene Nacht schon in seinem neuen Käfig. Ihm gefiel es nicht sonderlich, denn die Sitzstangen in seinem Käfig rutschten bei jeder kleinen Bewegung aus den Gitterstäben und fielen zu Boden. Das machte dem kleinen Kerl mächtige Angst und in seiner Not fuhr er mit seinem Schnabel die Gitterstäbe entlang. Es waren fürchterliche Geräusche und es tat mir in der Seele weh, zu sehen wie er ängstlich an seinem Gitter hing. Nur schnell nach Hause dachte ich und erledigte in Windeseile den Papierkram.
Vor unserem Haus angekommen trug ich unser neues Familienmitglied sogleich nach oben. Um den großen Käfig besser tragen zu können fasste ich zwischen den Gitterstäben hindurch. Auf halber Treppe spürte ich einen heftigen Schmerz, Leo’s Schnabel bohrte sich tief in meinen Daumen. Ich hatte nur noch einen Gedanken, schnell nach oben, ehe er fällt. Es blutete fürchterlich und dauerte noch einige Tage, bis alles wieder in Ordnung war.
Die ersten Stunden im neuen Heim waren für uns alle sehr anstrengend. Die Sitzstangen fielen immer wieder herunter und unser Leo verfiel in Panik. Solange ich mich im Zimmer befand, saß er still und schaute sich ganz zaghaft um. Sobald ich ihm aber den Rücken kehrte und das Zimmer verlassen wollte, schrie er ohrenbetäubend. Es musste sich immer jemand in seiner Umgebung aufhalten und so wurden zuerst die Sitzstangen durch dicke Äste ersetzt und für die erste Woche ein Schichtsystem für Leo eingerichtet. Den nächsten Schrecken erlebte Leo am Abend. Er wurde zum Schlafen mit einem Handtuch abgedeckt. Ängstlich vor der ihm unbekannten Zeremonie flatterte er schreiend wild umher. Es dauerte Monate bis er gelernt hatte, dass dies zu seinem Schutz war und einfach nur „Schlafenszeit“ bedeutete. Nicht nur sein Schreien, das im ganzen Haus zu hören war, ließ uns fast verzweifeln, zu allem Unglück trat er noch in den Hungerstreik. Ich konnte nicht feststellen, ob er vor Angst oder weil er die Futternäpfe nicht als solche ansah, die Nahrung verweigerte.
Zudem war das tägliche Füttern für beide Seiten, Mensch und Tier, eine heikle Situation. Er hatte panische Angst, wenn die Käfigtür geöffnet wurde und ich traute mich kaum, den fürchterlichen Biss noch in Erinnerung, zum Wechsel der Näpfe hineinzufassen. Willi ließ sich in der Umgebung des „Neuen“ überhaupt nicht blicken und schaute uns jedes mal eifersüchtig vom Flur aus hinterher. Wenn sich solch ein aufregender Tag dann dem Ende neigte, dachte ich so manches Mal, „um Himmels Willen, was haben wir da nur gemacht, das stehen wir nie durch.“
Die Zeit verging und das tägliche Reden mit Leo fruchtete doch eines Tages. Wenn wir uns ihm näherten, hob er nun schon ab und zu mal freudig seine Flügel. Den Hungerstreik haben wir durch ein naheliegendes Maisfeld überwinden können. Für unsere Kinder hieß es jeden Tag nach der Schule Maiskolben holen und für Leo wurde es die erste Nahrung im neuen Heim.
Ein extra für ihn aufgebauter Baum wurde bald sein Lieblingsplatz und er bekam die selben Freiräume wie unser Willi. Am Morgen raus aus dem Käfig und erst am Abend wieder nach Hause. Willi kam nun zumindest in unserem Beisein auch mit in Leo’s Zimmer und wagte sich so manches mal recht dicht an ihn heran. Des öfteren gab es ein wildes Katz und Maus Spiel zwischen den beiden und sie wirbelten gemeinsam durch die Luft.
Leo erweiterte sein Reich fast täglich und wurde immer zutraulicher. Nach einem halben Jahr gab es nichts mehr, was vor ihm sicher war. Er schlug vor Freude mit den Flügeln, wenn wir nach Hause kamen und ließ sich sogleich seinen Kopf kraulen. Der größte Spaß in der Woche wurde das Vogelbaden. Das Duschen aus der Blumenspritze bereitete ihm soviel Freude, dass er nicht genug davon bekommen konnte. Der Bann war gebrochen und sein grenzenloses Vertrauen erschloss sich über alle Familienmitglieder. Ganz anders verhielt es sich bei Besuchern. Von Kindern ließ er sich sofort streicheln und begrüßte sie, als würden sie jeden Tag kommen, anders bei Erwachsenen. Leo teilt sie noch heute in zwei Gruppen: die für ihn sympathischen und die weniger sympathischen. Die einen werden geduldet und aus der Ferne beobachtet, anfassen lässt er sich nicht. Die Menschen der zweiten Gruppe werden sogleich mit riesengroßem Geschrei in die Flucht geschlagen. Nach welchen Merkmalen er seine Auswahl trifft, wissen wir bis heute noch nicht.
Die Zeit eilte mit großen Schritten und der Urlaub stand bevor. Willi wurde Gast bei Oma und Opa, Leo dagegen - etwas problematischer in der täglichen Pflege - sollte seinen Urlaub im Zoogeschäft, in dem wir ihn einst kauften, verbringen. Wir vereinbarten ihn zwei Tage vorher samt Käfig zu bringen. Gesagt getan; Leo begab sich auf die Reise. Der darauffolgende Abend wurde unerträglich, immer wieder diese Fragen „... was wird er jetzt machen? ... ob er Sehnsucht hat? ... wird er wieder in den Hungerstreik treten?“ Das Kofferpacken am nächsten Tag wurde durch die gleichen Gedanken überschattet und die Freude auf den bevorstehenden Urlaub verflog. Durch das ständige Drängen unserer Kinder und auch durch mein schlechtes Gewissen, griff ich bald zum Telefon, um mich nach Leo’s Befinden zu erkundigen. Am anderen Ende bekam ich nun zu hören, was die ganze Zeit schon in meinen Gedanken umherschwirrte „ ... ihm fehlt es an nichts, er sitzt aber nur traurig in der Ecke. Er putzt sich nicht und nimmt von nichts Notiz. Haben Sie denn keine Möglichkeit ihn mit zu nehmen...?“ Mir brach es das Herz, auch für unsere Kinder gab es keine Frage: „ ... Mutti fahr los, er gehört doch zu uns, hol ihn zurück!“ Unser Papa fiel aus allen Wolken, er sah wohl schon den Urlaub ins Wasser fallen. Es brauchte noch etlicher Überredungskünste ehe ich losfahren konnte.
Unser Auto war nun hoffnungslos Überladen: 5 Personen, Gepäck und ein Papagei mit Käfig. Bei jedem Stop erregten wir Aufsehen. Leo hingegen, froh bei „seinen“ Menschen zu sein, erlebten wir noch nie so artig. Bei unserer zehnstündigen Fahrt hieß es auch Essen gehen. Wir visierten ein Restaurant in Rostock an und nahmen Leo mit hinein. Der Begrüßungsschrei wurde von keinem der Gäste überhört, aber so richtig störend empfand ihn nur die unfreundliche Kellnerin. Wir ließen uns nicht beirren und aßen gemütlich, wobei unser Leo ebenfalls seine Häppchen abbekam.
Der Urlaub verlief traumhaft und Leo zeigte sich als ein zufriedenes Familienmitglied. Den Vormittag blieb er in unserer Unterkunft und wurde täglich mit frischer Vogelmiere, die es hier in Massen gab, versorgt. Den Nachmittag verbrachten wir mit ihm zusammen. Es gab keinen Urlaubstag an dem er nicht mit nach draußen durfte. Zu Sicherheit bekam er eine Kette an sein Bein, wobei er nie die geringsten Anstalten machte, weg zu fliegen. Seine schönsten Stunden erlebte er mit uns am Strand. Ihn interessierten weder die Menschen noch die Möwen, er hatte nur ein Interesse: im Sand graben.
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Ununterbrochen war er am graben, Stöckchen suchen und Muscheln zerbeißen, bis ihn die neuen Eindrücke ermüdeten und er auf meiner Schulter friedlich einschlief. Ich dagegen war froh, dass er sich so lieb benahm. Nicht auszudenken, wenn das Gegenteil eingetreten wäre. Ein Ehekrach ist das letzte, was man sich im Urlaub wünscht.
Wieder zu Hause, gab es nichts wichtigeres als unseren Willi zu holen. War die Freude groß, ein Heidenpektakel bei unseren Vögeln. Jeder wollte den anderen lauter und ausgiebiger begrüßen und dann passierte das Unglaubliche ... Willi nahm ganz dicht an Leo gedrängt auf dem Baum Platz. Die Sehnsucht zueinander muss groß gewesen sein, denn von nun an schliefen sie nicht nur zusammen auf einem Ast, nein alles musste geteilt werden. Die Schulter „ihrer“ Menschen, der Fressnapf, die Hirse, einfach alles. Willi besucht ständig Leo, auch schaukelt er ab und zu in seinem großen Käfig und Leo ist des öfteren Gast bei Willi.
Die Bemühungen in den kleinen Wellensittichkäfig hinein zu kommen sind gescheitert, aber obendrauf mit Willi zusammen Hirse knabbern ist für beide wunderschön. Es ist toll, mit unseren zutraulichen Hausgenossen zusammen zu leben. Gab es in der Firma noch so großen Ärger, unsere Zwei haben immer gute Laune und freuen sich, wenn „ihre“ Menschen nach Hause kommen.
Wo die Sonne scheint da gibt es bekanntlich auch Schattenseiten. In diesem einen Jahr hieß es nicht nur einmal tapezieren. Unsere Vögel reißen die Tapete mit Vorliebe wieder ab. Unser Teppich musste ausgewechselt werden und unseren Computer fanden wir eines Tages ohne Maus und Computertasten vor. Trotz immer vorhandener Knabberstöcke hat kaum eine Tür noch einen geraden oberen Abschluss. Die Deckenlampe über dem Esstisch hat nun schon das dritte Kabel erhalten und muss, wenn wir im hellen essen wollen, mit Tüchern umwickelt werden.
Eine Stunde unbeobachteter Freigang reicht schon aus, um unsere Wohnung wie nach einem Bombenanschlag wirken zu lassen. Die größte Mühe ist es jedoch, unseren Papa davon zu überzeugen, dass es alles doch gar nicht so schlimm sei.
Leo hat recht schnell gelernt, zumindest im Wohnzimmer ein artiger Junge zu sein und weiß, dass er dort nicht herumtollen kann wie er will. Ansonsten heißt es ab in den Käfig und auf sein allabendliches Bauchkraulen möchte er um nichts auf der Welt verzichten. Dies sind für uns die schönsten Stunden, wenn so langsam die Ruhe in unserer Familie einzieht und wir gemeinsam beim Fernsehen sitzen. Wobei es für unseren Leo vollkommen egal ist, ob das Gerät eingeschaltet ist oder nicht, er genießt es ausgiebig, mit dabei zu sein.
Seine sozialen Ansprüche bedürfen einer enormen Menge an Zeit, derer unsere Kinder nicht gewachsen sind. Wer möchte mit 14 oder 16 Jahren jeden Tag stundenlang mit einem Papagei spielen? Meist ist es unsere Tochter, die Leo’s Blick nicht widerstehen kann und sehnsüchtig auf meine Heimkehr wartet, damit sie die Termine mit ihren Freundinnen nicht verpasst. Doch das morgendliche Versteckspiel in unserem Bett, gemeinsames Frühstück mit Butterbrötchen, eine Papageienlieblingsspeise, und die Schmusezeit am Abend lassen die anfänglichen Schwierigkeiten schnell vergessen. Selbst unser Papa genießt es heute sichtlich, wenn Leo auf seiner Schulter sitzend sanft seinen Bart durchforstet.
Auch wenn unser Leo nicht die Farbenpracht anderer Papageienarten besitzt und er das Sprechenlernen als Zumutung betrachtet, ist seine Mimik und Gestik so faszinierend, dass sie niemand von uns mehr missen möchte. Mir ist in diesem Jahr bewusst geworden, dass eine Trennung von ihm gar nicht mehr denkbar wäre. Er ist unser viertes Kind geworden und auf Grund seiner hohen Lebenserwartung ein Kind, das sein Nest niemals verlassen wird.
Gabi K.
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